KATHOLISCHER MEDIENPREIS 2012 für
Wadim (90 Min., PIER 53/NDR/FFHSH 2011)


Die PIER 53-Produktion 'WADIM' erhält den Katholischen Medienpreis 2012, einen der renommierten Journalistenpreise in Deutschland. Aus der Juryentscheidung: "Der Dokumentarfilm 'WADIM' mutet dem Zuschauer viel zu: Er befasst sich mit einem aus den Schlagzeilen verschwundenen Thema - mit Asyl/Duldung in Deutschland. Er erzählt Ungeheuerlichkeiten mit einer audio-visuellen Eindringlichkeit und gleichzeitig so ruhig, dass es den Zuschauer unruhig macht. (...) Diesen Film vergisst man nicht so schnell. Auch weil er zeigt: Heimat ist mehr als ein Aktenzeichen."

Zum Film:
Wadim K. ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule, zum Sport und in die Ministrantengruppe gegangen. Er sprach deutsch, er hatte deutsche Freunde, er fühlte sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass hat Wadim nie erhalten, weil er mit seiner Familie 1992 als Flüchtling nach Hamburg kam.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fühlen sich Wadims russischstämmige Eltern in Lettland nicht mehr sicher. Doch in Deutschland wird ihr Asylantrag abgelehnt. Es folgen 13 Jahre zwischen Duldungen, Sammelunterkünften und Arbeitsverbot. Die Eltern brechen unter dem Druck zusammen, erkranken schwer an Depressionen. Die Kinder sind mehr und mehr auf sich gestellt.

2005 versucht die Ausländerbehörde die Familie abzuschieben. Der nächtliche Einsatz endet im Desaster: Die Mutter schneidet sich die Pulsadern auf, der Vater kommt in Haft. Wadim wird mit 18 Jahren allein nach Lettland abgeschoben – in ein Land, an das er sich kaum erinnern kann. Fünf Jahre kämpft er um eine neue Existenz: Erst in Riga, später irrt er durch Frankreich, Belgien und die Schweiz, wird erneut nach Lettland deportiert. Bei seinem letzten, illegalen Besuch in Hamburg, im Januar 2010, wirft Wadim sich vor eine S-Bahn. Er ist 23 Jahre alt.

Der 90-minütige Dokumentarfilm WADIM setzt das Mosaik eines kurzen Lebens zusammen, das für 87.000 andere Menschen steht, die mit einer Duldung in Deutschland leben. Über Fotos und sehr persönliche Videos aus dem Familienbesitz sowie über Interviews mit Wadims Eltern, Freunden, seiner Jugendliebe und anderen Zeitzeugen kann sich der Zuschauer ein eigenes Bild davon machen, wie die Familie zerbricht und sich der Junge verändert: Von einem fröhlichen Kind, das ein Gymnasium besucht und Fagott spielt, hin zu einem Getriebenen, der sein Zuhause verliert, der in einem lettischen Obdachlosenheim landet und am Ende den eigenen Sorgen und Ängsten nicht mehr standhält.

Der Film zeigt eindringlich, wie Menschen kämpfen müssen, um in diesem Land einen Platz für sich zu finden. Er hinterfragt das starre Gerüst von Aufenthaltsrecht und Bürokratie, in dem der Einzelne nichts zählt. Dabei stößt er beim Zuschauer auch Gedanken an, die angesichts der Integrationsdebatte in Deutschland hochaktuell sind: Wo gehört ein Mensch hin? Was ist Heimat? Und darf man sie jemandem per Gesetz wegnehmen?

Der Film war eingeladen zum Kasseler Dokumentarfilmfest, zur Dokumentarfilmwoche Hamburg und zu den Hot Docs in Toronto, dem größten Dokfilmfestival Nordamerikas. Außerdem wurde er mit dem Seh-Stern für die "Beste Dokumentation 2011" ausgezeichnet, einem Preis des NDR. Mehr Infos zum Film unter www.wadim-der-film.de

Pressestimmen:
"Respektvoll, einfühlsam und ohne jede Distanz bilden die beiden Regisseure das Leben eines Jungen nach, der nach seiner Abschiebung kein Zuhause mehr findet und zum Getriebenen wird. (...) Carsten Rau und Hauke Wendler erzählen ihren Film mit großer Intensität und viel Gefühl für Stimmungen und Atmosphäre." (Kathrin Streckenbach, dpa)

"Mit vielen persönlichen Bildern und einer bestechend eindringlichen Ruhe zeichnet die Dokumentation 'Wadim' nach, wie eine Familie darum kämpft, einen Platz in Deutschland zu finden, sich zu integrieren und nicht als Asylbewerber abgestempelt zu werden. (...) Diese Geschichte und diesen Film vergisst man nicht so schnell. Auch weil er zeigt: Heimat ist mehr als ein Aktenzeichen." (Maryam Bonakdar, Kulturjournal, NDR Fernsehen)

"Die Stärke des Films ist es, die Brutalität solcher Maßnahmen sachlich für sich sprechen zu lassen. Keine schrille Moderatorenstimme skandalisiert die Behördenpraxis. Stattdessen lassen die Filmemacher den eher spröden Rechtsanwalt der Familie aus den amtlichen Vermerken zur Abschiebenacht zitieren. 'Die Kinder wurden zunächst selektiert und unter Kontrolle gehalten', liest der Anwalt aus den Akten vor. Nur ein paar feine Stirnfalten verraten die Verwunderung darüber, dass deutsche Bürokraten unbefangen das Verb 'selektieren' zu Protokoll geben." (Christoph Twickel, Spiegel Online)

"Wendler und Rau verzichten auf einen Erzähler aus dem Off und lassen stattdessen Eltern, Freunde und Weggefährten sowie zahlreiche Familienvideos und -fotos sprechen. So kommen sie Wadim bemerkenswert nahe, während sie stets respektvolle Distanz wahren und nie nach Sensationen heischen." (Constantin Binder, Neue Osnabrücker Zeitung)

"Der Dokumentarfilm zeichnet Wadims Lebensgeschichte (...) nach und stellt die Integrationsdebatte in ein anderes Licht." (Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart)

"Atmosphärisch dichter NDR-Film" (Kieler Nachrichten)

"Sehenswerter Dokumentarfilm" (Lübecker Nachrichten)

"Im Abspann läuft ein Kommentar des Bruders, der den Film unterstützt hat, aber nicht darin auftreten wollte. Er wendet sich mit seinen Worten an die Regisseure, trifft jedoch den Zuschauer im Innersten: 'Sie werden mit Ihrem Film keine Gesetze ändern oder die radikale Ausländerpolitik in Hamburg. Sie werden für einen Moment Mitleid auslösen, bis die Menschen wieder an sich selber denken'." (Ulrike Mau, Berliner Morgenpost)

PIER 53 bedankt sich bei den Kollegen, die an der Produktion mitgewirkt haben: bei Boris Mahlau (Kamera), Torsten Reimers (Ton), Jakob Grunert (Musik) und Stephan Haase(Schnitt) sowie bei der verantwortlichen NDR-Redakteurin Barbara Denz. Unser besonderer Dank gilt Wadims Eltern und seinem Bruder.