SEHSTERN ‚Beste Dokumentation' 2016 für
Protokoll einer Abschiebung (44 Min., NDR 2016)


Eine unabhängige Jury hat die PIER 53-Dokumentation ‚Protokoll einer Abschiebung‘ mit dem SehStern für die ‚Beste Dokumentation' 2016 ausgezeichnet, einem internen Preis des NDR. Die Auszeichnung wird alljährlich in verschiedenen Kategorien von einer Gremium vergeben, das sich aus Autoren, Reportern und Regisseuren zusammensetzt.


Zum Film:
Sie kommen in der Nacht, sie reißen Familien aus dem Schlaf, geben ihnen kurz Zeit zum Packen und setzen sie in ein Flugzeug: 'Zuführkommandos' heißen die Trupps von Polizei und Ausländerbehörde, die abgelehnte Asylbewerber abschieben. Mehr als 22.000 Männer, Frauen und Kinder mussten Deutschland im vergangenen Jahr auf diesem Wege verlassen. Doch wie laufen Abschiebungen konkret ab? Und gibt es keine Alternativen dazu?

Die Dokumentation 'Protokoll einer Abschiebung' zeigt erstmals im deutschen Fernsehen ein umfassendes Bild dieser harten Einsätze: Von ihrer minutiösen Planung über den nächtlichen Einsatz der 'Zuführkommandos' in den Unterkünften der Asylbewerber bis zu ihrer Ankunft im Heimatland. Dabei stell der Film auch die heikle Frage, was die Menschen dort erwartet.

Nach langen Recherchen hatte das Team um Regisseur Hauke Wendler die Möglichkeit, in Mecklenburg-Vorpommern eine Sammelabschiebung zu filmen. Dabei wurden in drei Tagen mehr als 200 Asylbewerber auf den Balkan abgeschoben. Ein Wunschprojekt des Innenministers Lorenz Caffier, der bei den Abschiebungen sogar persönlich vor Ort war. Aber auch eine umstrittene Maßnahme: Rheinland-Pfalz zum Beispiel setzt an Stelle von Abschiebungen auf 'Freiwillige Ausreisen'. Das sei nicht nur menschenwürdiger, so die zuständige Ministerin Anne Spiegel, sondern sogar wirtschaftlicher.

Die Dokumentation 'Protokoll einer Abschiebung' fasst die verschiedenen Ansätze sachlich zusammen, damit der Zuschauer sich ein eigenes Bild machen kann. Vor allem aber gelingt es dem Film, die nächtlichen Abschiebungen zu dokumentieren und so ein wichtiges Thema in die Öffentlichkeit zu bringen, zu dem bislang kaum Bilder existieren.


Pressestimmen:

"Die Dokumentation hinterlässt Beklemmung und schafft Anteilnahme durch Nähe. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander: wirtschaftliche, rechtliche, menschliche. Wie wollen wir mit diesen Leuten umgehen? Dieser Film ist ein Plädoyer gegen Gleichgültigkeit." (Volker Behrens, Hamburger Abendblatt)

"Dramatische Szenen, die so nur selten gezeigt werden." (Sven Sakowitz, taz)

"Die Dokumentation (...) zeigt erstmals, was sonst offensichtlich lieber vor der Öffentlichkeit verborgen wird. Der Film blickt hinter die Kulissen der größten Sammelabschiebung, die das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern jemals organisiert hat." (Julia Huber, Greenpeace Magazin)

"Dokumentarfilmer Hauke Wendler ist es gelungen, mit einem Kamerateam hinter die Kulissen dieser Sammelabschiebung zu schauen. (...) Indem er zwei der abgeschobenen Familien in letzter Konsequenz bis nach Albanien folgt, rundet Wendler das emotional aufgeladene Thema ab." (Frank Jürgens, Neue Osnabrücker Zeitung)

"Der Film (...) zeigt zwar den ganzen Schrecken und die Verzweiflung einer solchen Situation - die Mutter, die sich aus dem dritten Stock stürzen will, der kleine Sohn, der sich vor Angst in die Hose pinkelt - aber im Grunde erzählt die Doku von Hauke Wendler und Carsten Rau vor allem von der Nüchternheit eines Behördenapparats, von dem guten Gewissen der Pflichterfüllung. Wie lassen sich Maßnahmen, die nach grausamer Verschleppung aussehen, so durchführen, dass es mit dem demokratischen Rechtsstaat vereinbar sind?" (Christoph Twickel, Spiegel Online)

"Die Doku zeigt den Albtraum eines jeden Asylbewerbers." (Hamburger Morgenpost)

"Eine mögliche Alternative wurde mit der ‚Geförderten Rückreise‘, die Flüchtlinge beim Existenzaufbau in ihrer Heimat unterstützt, gleich mitgenannt. Verblüffend war der Fakt, dass diese nicht nur humaner, sondern auch wirtschaftlicher sei. (...) Dies trübte aber keineswegs die Objektivität des Beitrags, die viel Freiraum zur eigenen Meinungsbildung ließ." (Saarbrücker Zeitung)

taz: "Herr Wendler, warum sind Bilder von Abschiebungen selten im Fernsehen zu sehen?" Hauke Wendler: "Meine Kollegen und ich haben regelmäßig versucht, Abschiebungen zu filmen, weil man die Härten dieser staatlichen Zwangsmaßnahme nur diskutieren kann, wenn man sie auch in aller Deutlichkeit zeigt. Unsere Anfragen wurden stets mit dem Argument abgelehnt, dass man die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen schützen müsse. Ich halte das für eine Schutzbehauptung. Meiner Meinung nach lehnen Behörden und Politiker solche Anfragen ab, um das Thema aus der Berichterstattung herauszuhalten." (Hauke Wendler im Interview mit der taz)

"Ein NDR-Film über Abschiebungen von ausländischen Familien in Mecklenburg-Vorpommern sorgt für heftige Reaktionen. (...) Das Vorgehen der Behörden sei rechtlich gesehen vermutlich in Ordnung, sagte Peter Ritter, innenpolitischer Sprecher der Linken. Trotzdem bleiben diese nächtlichen Aktionen inhuman und sollten künftig nicht durchgeführt werden. Es gebe andere Möglichkeiten." (Thomas Volgmann, Schweriner Volkszeitung)

"Nach 45 Minuten hat vor allem der Zuschauer viel dazugelernt. ‚Zuführkommando', ‚Sammelabschiebung', ‚Abschiebemappe' – die Sprachregelung allein lässt Zweifel an einem Verfahren aufkommen, das Erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen, meist in humanitären Notlagen, trifft." (Thomas Schneider, dokumentarfilm.info)

"Mutige NDR-Reportage" (Deutschlandradio Kultur)