Bilderbuch Deutschland -
St. Pauli (44 Min., NDR/ARD 2006)


Buch/Regie: Carsten Rau
Redaktion: Uwe Michelsen und Volker Zielke
Produktion: NDR


Grell glitzern die Lichter der Reeperbahn. Tausende Menschen drängeln sich über die Straße in die Clubs und Kneipen des Kiez. Im dichten Verkehr rollt ein Wagen der Hamburger Polizei vorbei. Auf dem Beifahrersitz ein Hauptkommissar mit Oberlippenbart und perfekt gebundenem Krawattenknoten. "Nirgends kann man die Facetten menschlichen Verhaltens so geballt erleben wie hier", meint Gerhard Kirsch, Schichtleiter der Davidwache, in Fachkreisen "Kirsche" genannt. "Hier Dienst zu tun, heißt für’s Leben zu lernen."

Schichtleiter Kirsch wacht über die Betrunkenen, ärgert sich mit renitenten Taxifahrern herum und passt auf, dass die Prostituierten die Sperrgebietsordnung einhalten. Conny geht seit fünf Jahren auf dem Kiez anschaffen. Seit einem Jahr arbeitet sie ohne Zuhälter. Mit "ihrem Typen", wie sie sagt, war es eine harte Zeit. "Aber ohne Zuhälter hat man natürlich auch den Druck nicht mehr. Und ohne Druck verdient man weniger."

Geht die Sonne auf über St. Pauli, zeigt das Viertel sein zweites Gesicht: Die Stadtreinigung fegt den Dreck der Nacht von der Straße. Menschen gehen zur Arbeit. Und hinter den Häusern vom Kiez schieben sich große Frachter durch die trübe Elbe in den Hafen. "Die Leute denken immer, St. Pauli ist nur die Reeperbahn, mit Mädchen und Vergnügen und so. Aber das stimmt nicht. Das ist ja auch unser Zuhause!", sagt Peter Thies, 60 Jahre alt. Peter betreibt mit seinem Bruder Jürgen eine Klempnerei, nur wenige hundert Meter von der Reeperbahn entfernt. Aber zum Feiern waren die beiden schon seit Jahren nicht mehr "auf der Meile". Dafür sind die eineiigen Zwillinge Mitglieder beim FC St. Pauli, seit 50 Jahren. "Und zu seinem Verein muss man stehen. Auch wenn’s mal ein paar Jahre schlecht läuft."

Der Film zeigt die derbe Schönheit eines widersprüchlichen Stadtteils, der so bekannt ist wie kein anderer in Deutschland. St. Pauli von unten. Ein Blick auf die Leute, die hier leben und arbeiten: Ines, die Stripteasetänzerin, die eigentlich Managerin werden wollte. Die türkischen Fischfiletierer am Elbufer, die seit Jahren hier leben und kaum einen Satz Deutsch sprechen. Claus Bukbe, Zeugwart beim FC St. Pauli, der die Fußballprofis von heute für "Weicheier" hält. Und die 92-jährige Frau Ploog, die ihr Leben auf St. Pauli verbracht hat und den ganzen Sex auf der Reeperbahn nicht mehr sehen mag: "Ich bin bestimmt nicht prüde. Aber hier wird einem das so um die Ohren gehauen, da bleibt keine Romantik mehr übrig. Oder wie sehen Sie das?"