Pflegefall Schäferhund? -
Vom Ende einer deutschen Legende (44 Min., SWR 2009)


Buch/Regie: Carsten Rau und Bettina Schön
Redaktion: Eva Witte und Kai Henkel
Produktion: PIER 53 Filmproduktion


Ronja humpelt über den Parkplatz der Klinik, Tierarzt Dr. Friedrich Müller beobachtet die junge Hündin nur kurz: "Ronja hat vermutlich eine so genannte Lumbosakralstenose, eine krankhafte Veränderung der Lendenwirbel." Jeder Schritt tut weh, toben oder laufen will die Deutsche Schäferhündin seit Wochen nicht mehr.

Dr. Müller veranlasst eine Kernspintomographie, die bestätigt den Verdacht und weist außerdem einen schweren Hüftschaden nach. Kurz darauf liegt Ronja betäubt an Schläuchen und Kanülen im OP. 2.000 Euro wird der Eingriff kosten, eigentlich zu viel Geld für ihre Besitzerin, eine Frührentnerin: "Aber Ronja ist zu Hause unser Mittelpunkt", sagt Frau Schneider mit Tränen in den Augen. "Ich kann sie jetzt nicht einfach einschläfern lassen."

250.000 Deutsche Schäferhunde leben nach Schätzungen in der Bundesrepublik. "Stark, mutig, nervenfest, ausgeglichen und furchtlos" sei die Rasse, so beschreibt es der SV, der Verein für Deutsche Schäferhunde in Augsburg. Diesen Mythos pflegt der Verein und exportiert ihn in alle Welt: 63 Mitgliedstaaten zählt die Weltunion der Schäferhundvereine. Zuchttiere und prämierte Hunde kosten ein Vermögen. Doch wie viel hat der Mythos noch mit der Wirklichkeit zu tun?

Die Autoren Carsten Rau und Bettina Schön spürten der Legende vom deutschesten aller Hunde ein dreiviertel Jahr lang hinterher - in den Ortsgruppen des SV, in der Augsburger Zentrale, bei Tiermedizinern und Züchtern. Die kreuzen Schäferhunde nach dem Schönheitsideal der jährlichen Leistungsschauen und ihrer mächtigen Zuchtrichter: das Fell soll voll sein und glänzen, viele Muskeln muss der Schäferhund haben und einen extrem tiefen Hüftstand.

Doch längst gilt die Rasse manchen Fachleuten als Zuchtfehler. "Was wir aus dem Schäferhund gemacht haben, reicht gerade noch, um auf Ausstellungen im Kreis herum zu laufen. Für alles andere sind viele Hunde schon zu krank oder zu blöd", sagt Helmut Raiser, einer der Kritiker. Andere treten vor der Kamera nur anonymisiert auf, weil sie Angst davor haben, dass der mächtige Schäferhundverein sie verklagt. Denn die Zentrale in Augsburg protestiert heftig gegen jeden Vorwurf und interne Kritiker werden kalt gestellt. So gerät die Dokumentation "Pflegefall Schäferhund? - Vom Ende einer deutschen Legende" auch zum Sittengemälde eines deutschen Traditionsvereins.