Tod nach Abschiebung -
Warum nahm sich Wadim K. das Leben? (44 Min., NDR 2013)


Buch/Regie: Carsten Rau und Hauke Wendler
Redaktion: Barbara Denz
Produktion: PIER 53 Filmproduktion



Wadim K. ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule, zum Sport und in die Ministrantengruppe gegangen. Er sprach Deutsch, er hatte deutsche Freunde, er fühlte sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass hat Wadim nie erhalten, weil er mit seiner Familie als Flüchtling nach Hamburg kam.

Riga, 1992. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fühlen sich Wadims russischstämmige Eltern in Lettland nicht mehr sicher. Doch in Deutschland wird ihr Asylantrag abgelehnt. Es folgen 13 Jahre zwischen Duldungen, Arbeitsverbot und Sammelunterkünften. Die Eltern brechen unter dem Druck zusammen, erkranken an schweren Depressionen. Die Kinder sind mehr und mehr auf sich gestellt.

2005 versucht die Ausländerbehörde die Familie abzuschieben. Der nächtliche Einsatz endet im Desaster: Die Mutter schneidet sich die Pulsadern auf, der Vater landet in der Untersuchungshaft. Wadim wird mit 18 Jahren allein nach Lettland abgeschoben - in ein Land, an das er sich kaum erinnern kann. Fünf Jahre lang sucht er ein neues Zuhause für sich: Erst in Riga, später irrt er durch Frankreich, Belgien und die Schweiz, wird erneut nach Lettland deportiert. Bei seinem letzten, illegalen Besuch in Hamburg, im Januar 2010, nimmt Wadim sich das Leben. Er ist 23 Jahre alt.

Drei Jahre nach Wadims Suizid haben die Autoren Carsten Rau und Hauke Wendler auch mit Wadims Bruder Georg K. drehen können und den Fall aus seiner Sicht neu aufgerollt. Mit der Dokumentation 'Tod nach Abschiebung' legen sie eine aktualisierte, vollständig überarbeitete TV-Fassung ihres 90-minütigen Dokumentarfilms 'Wadim' vor, der bei Festivals im In- und Ausland lief und mit dem Katholischen Medienpreis sowie dem Otto-Brenner-Preis 'Spezial' ausgezeichnet wurde.

Die Doku 'Tod nach Abschiebung' zeigt eindringlich, wie Menschen kämpfen müssen, um in diesem Land einen Platz für sich zu finden. Dabei hinterfragt der Film auch das starre Gerüst von Aufenthaltsrecht und Bürokratie, in dem der Einzelne nichts zählt. Er stößt beim Zuschauer Gedanken an, die angesichts der Integrationsdebatte in Deutschland hochaktuell sind: Wo gehört ein Mensch hin? Was ist Heimat? Und darf man sie jemandem per Gesetz wegnehmen?

Pressestimmen zum Dokfilm 'Wadim':

"Respektvoll, einfühlsam und ohne jede Distanz bilden die beiden Regisseure das Leben eines Jungen nach, der nach seiner Abschiebung kein Zuhause mehr findet und zum Getriebenen wird. (...) Carsten Rau und Hauke Wendler erzählen ihren Film mit großer Intensität und viel Gefühl für Stimmungen und Atmosphäre." (Kathrin Streckenbach, dpa)

"Mit vielen persönlichen Bildern und einer bestechend eindringlichen Ruhe zeichnet die Dokumentation 'Wadim' nach, wie eine Familie darum kämpft, einen Platz in Deutschland zu finden, sich zu integrieren und nicht als Asylbewerber abgestempelt zu werden. (...) Diese Geschichte und diesen Film vergisst man nicht so schnell. Auch weil er zeigt: Heimat ist mehr als ein Aktenzeichen." (Maryam Bonakdar, Kulturjournal, NDR Fernsehen)

"Die Stärke des Films ist es, die Brutalität solcher Maßnahmen sachlich für sich sprechen zu lassen. Keine schrille Moderatorenstimme skandalisiert die Behördenpraxis. Stattdessen lassen die Filmemacher den eher spröden Rechtsanwalt der Familie aus den amtlichen Vermerken zur Abschiebenacht zitieren. 'Die Kinder wurden zunächst selektiert und unter Kontrolle gehalten', liest der Anwalt aus den Akten vor. Nur ein paar feine Stirnfalten verraten die Verwunderung darüber, dass deutsche Bürokraten unbefangen das Verb 'selektieren' zu Protokoll geben." (Christoph Twickel, Spiegel Online)

"Wendler und Rau verzichten auf einen Erzähler aus dem Off und lassen stattdessen Eltern, Freunde und Weggefährten sowie zahlreiche Familienvideos und -fotos sprechen. So kommen sie Wadim bemerkenswert nahe, während sie stets respektvolle Distanz wahren und nie nach Sensationen heischen." (Constantin Binder, Neue Osnabrücker Zeitung)

"Der Dokumentarfilm zeichnet Wadims Lebensgeschichte (...) nach und stellt die Integrationsdebatte in ein anderes Licht." (Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart)

"Atmosphärisch dichter NDR-Film" (Kieler Nachrichten)

"Sehenswerter Dokumentarfilm" (Lübecker Nachrichten)

"Im Abspann läuft ein Kommentar des Bruders, der den Film unterstützt hat, aber nicht darin auftreten wollte. Er wendet sich mit seinen Worten an die Regisseure, trifft jedoch den Zuschauer im Innersten: 'Sie werden mit Ihrem Film keine Gesetze ändern oder die radikale Ausländerpolitik in Hamburg. Sie werden für einen Moment Mitleid auslösen, bis die Menschen wieder an sich selber denken'." (Ulrike Mau, Berliner Morgenpost)